Fineliner.Ausgabe 16 · 27. Oktober 2026

Wenn Führung immer mehr Kraft kostet.

Eine Führungskraft berichtete mir von ihrem letzten Jahr. Auf der Arbeit stand sie stark unter Druck. Sie kam von der Arbeit nach Hause, aß und legte sich auf das Sofa. Am Wochenende: Sofa, Bett, Sofa.

Im Job war sie präsent. Sie machte ihre Arbeit und hat alles gegeben. Aber sie hat eben auch alles dort gelassen. Für ein Leben außerhalb der Arbeit war einfach keine Kraft mehr übrig.

Von außen war davon wenig zu sehen. Und genau das ist das Tückische an dieser Art von Erschöpfung: Sie zeigt sich nicht im Büro, sondern in allem, was danach nicht mehr stattfindet.

Oft beginnt es leise. Der Tag startet mit dem Gefühl, nur noch auf das Dringende zu reagieren. Gespräche werden kürzer, selbst kleine Abstimmungen fühlen sich wie eine zusätzliche Last an. Und nach außen funktioniert trotzdem alles.

Erschöpfung hat selten nur eine Ursache. Bei ihr war es eine Mischung aus vielem: ihr eigener hoher Anspruch an Qualität, der Wunsch, alles aufzufangen, und gleichzeitig ein Umfeld, das genau dieses Funktionieren auch angenommen hat.

Es ist oft dieses Zusammenspiel: Eigene Glaubenssätze und Verhaltensmuster treffen auf Strukturen, die Überlastung begünstigen. Wenn eine Organisation dauerhaft nur funktioniert, weil Führungskräfte über ihre eigenen Grenzen gehen, und man selbst verlernt hat, Stopp zu sagen, dann ist das weder nur eine persönliche Schwäche noch ein reines Strukturproblem. Es ist beides. Und genau deshalb lohnt sich der Blick auf beides.

Was die WHO dazu sagt

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burn-out als Folge von chronischem Arbeitsstress, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Typisch sind drei Merkmale: Erschöpfung, innere Distanz zur Arbeit und das Gefühl, weniger zu bewirken. Wichtig dabei: Die WHO ordnet Burn-out ausdrücklich als arbeitsbezogenes Phänomen ein. Es geht also nicht nur um die Person, sondern auch um die Bedingungen, unter denen sie arbeitet.

Wo Überlastung zum Normalbetrieb wird, wird Erschöpfung zur Organisationsfrage.

Für Ihren Schreibtisch: Druckspitze oder Systemmuster?

Prüfen Sie Ihre aktuelle Belastung mit vier Fragen:

Vier Fragen

  1. Ist die Erschöpfung an ein klar begrenztes Ereignis gebunden, oder ist sie inzwischen der Normalzustand?
  2. Kann jemand Ihre wichtigsten Aufgaben kurzfristig übernehmen, ohne dass alles an Ihnen hängen bleibt?
  3. Werden Prioritäten neu verhandelt, wenn neue Anforderungen hinzukommen?
  4. Was würde in Ihrer Organisation passieren, wenn Sie zwei Tage nicht erreichbar wären?

Je öfter Ihre Antworten auf Dauerzustand, fehlende Vertretung und Unentbehrlichkeit hinauslaufen, desto weniger spricht für eine vorübergehende Druckspitze. Dann lautet die Frage nicht mehr, wie lange Sie noch durchhalten, sondern was sich ändern muss, bei Ihnen und im System.

Und falls Sie beim Lesen merken, dass es Ihnen gerade wirklich nicht gut geht: Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Das ist kein Zeichen von Schwäche.

Wie ich unterstützen kann

Ein Appell zu mehr persönlicher Resilienz greift zu kurz, wenn die Strukturen Überlastung belohnen. Genauso wenig hilft es aber, nur auf das System zu zeigen.

Deshalb schaue ich auf beides. Im Coaching geht es um Ihre eigenen Muster, Ansprüche und Grenzen. Die Resilienz-Analyse zeigt, wo in Ihrer Organisation unklare Rollen, fehlende Entscheidungsspielräume oder Prioritäten Überlastung begünstigen. Damit Führung wieder Kraft gibt, statt nur Kraft zu kosten. Im Orientierungsgespräch klären wir, was für Sie gerade passt.

Woran merken Sie, dass aus Druck ein Dauerzustand geworden ist? Schreiben Sie mir gern, ich lese jede Nachricht selbst.

Fineliner erscheint jeden zweiten Dienstag.
Julia Feilen