Fineliner.Ausgabe 11 · 18. August 2026

Das Sommerloch gibt es nicht mehr.

Das Signal

„Im Sommer wird doch nicht so viel gearbeitet.“ Dieses Bild hält sich außerhalb von Verwaltungen erstaunlich hartnäckig. Es steht in Spannung zu den Befunden über Personalmangel und Arbeitsverdichtung im öffentlichen Dienst.

Der DGB-Personalreport 2025 zeigt, dass 53 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst von einem hohen oder sehr hohen Personalmangel in ihrem Arbeitsbereich berichten. Der dbb Monitor öffentlicher Dienst 2025 beziffert den fehlenden Personalbedarf im öffentlichen Dienst auf rund 570.000 Beschäftigte. Beide Veröffentlichungen messen zwar nicht explizit das Sommerloch. Dennoch liefern sie einen wichtigen Kontext für die Frage, warum die vermeintlich ruhigere Zeit vielerorts nicht mehr existiert.

Der Sommer macht nicht weniger Arbeit sichtbar, sondern weniger Puffer.

Warum das relevant ist

Als ich angefangen habe, im öffentlichen Dienst zu arbeiten, wurde mir jedes Jahr im Frühsommer gesagt, wie gut ich es doch hätte: Mir stünden jetzt erst einmal ein paar ruhige Wochen bevor. Endlich Zeit für die Dinge, die im laufenden Betrieb immer liegen bleiben.

Am Ende eines jeden Sommers dachte ich: Dieses Jahr war es eben besonders voll. Nächstes Jahr erlebe ich das Sommerloch dann wohl. Aber es kam nicht.

Viele Führungskräfte wissen sehr genau, wie wichtig diese Phasen sind, in denen wirklich fokussiert aufgearbeitet werden müsste. Sie wissen aber auch, dass ihre Organisation zu wenig Personal für die wachsende Zahl an Aufgaben hat. Das Problem ist: Die Arbeit läuft weiter. Gesetzliche und politische Anforderungen, Fristen, Haushaltsarbeit, Projekte, Bürgeranliegen und Krisenlagen machen keine Sommerpause. Gleichzeitig sind Teams durch Urlaub, Krankheit, Vakanzen und Vertretungen praktisch ständig reduziert.

Der Sommer erzeugt die Personalknappheit nicht, aber er macht die Lücke sichtbarer. Die zuvor erwähnten Studien belegen deshalb nicht das Ende des Sommerlochs. Sie helfen uns aber zu verstehen, warum die Zeit zum Aufholen vielerorts ausbleibt: Wenn eine Organisation schon im Normalbetrieb eng arbeitet, entsteht im Sommer keine zusätzliche Atempause.

Die nötige Zeit ist nie vorhanden. Genau das wird zum Problem.

Implikationen für Führung

Fragen zum Weiterdenken

  • Welche Aufgaben bleiben in Ihrer Organisation liegen, weil die ruhigere Zeit, in der sie erledigt werden sollten, nicht mehr kommt?
  • Wo ist klar entschieden, was bei knapper Personaldecke verschoben, reduziert oder beendet werden kann, und was nicht?
  • Was wird im Sommer tatsächlich priorisiert, und was wird lediglich von den anwesenden Mitarbeitenden zusätzlich getragen?

Wie ich unterstützen kann

Was passiert in Ihrer Organisation, wenn die Arbeit bleibt, aber weniger Menschen sie tragen?

Mein kostenloser Selbsttest gibt Ihnen in wenigen Minuten eine erste Einordnung: Sind Rollen, Prioritäten und Entscheidungswege auch dann klar, wenn Kapazitäten fehlen? Wenn sich dabei strukturelle Muster zeigen, geht die Resilienz-Analyse den Ursachen auf den Grund.

Diese Ausgabe erschien ursprünglich unter dem Namen The Governance Compass. Seit Oktober 2026 heißt der Newsletter Fineliner und erscheint jeden zweiten Dienstag.
Julia Feilen